Herbstattraktion: Kraniche beobachten bei Stralsund
Wenn tausende „Vögel des Glücks“ an der vorpommerschen Küste rasten
Der Sommer verabschiedet sich langsam aus Stralsund, die Tage werden kürzer, über den Feldern liegt am Morgen erster Nebel und an der Küste beginnt eines der eindrucksvollsten Naturschauspiele des Jahres. Im September und Oktober sammeln sich an der vorpommerschen Boddenküste tausende Kraniche. Viele von ihnen kommen aus Skandinavien und Osteuropa, rasten für einige Tage oder Wochen zwischen Stralsund, Barth, Zingst und Rügen und ziehen anschließend weiter in ihre Winterquartiere. Für einen Herbsturlaub in Stralsund eröffnet sich damit eine Welt, die mit den bekannten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt wenig zu tun hat und dennoch unmittelbar vor ihren Toren beginnt.
Kraniche gehören zu den größten Vögeln Deutschlands. Ausgewachsene Tiere erreichen eine Körperhöhe von bis zu 1,30 Metern und eine Flügelspannweite von mehr als zwei Metern. Beeindruckender als ihre Größe ist jedoch ihr Auftreten in großen Verbänden. Wenn am späten Nachmittag hunderte oder tausende Tiere aus unterschiedlichen Richtungen zu ihren Schlafplätzen fliegen, ihre charakteristischen Rufe über der Landschaft liegen und sich am Himmel lange Ketten und Keilformationen bilden, bekommt die ansonsten stille Boddenlandschaft für einige Zeit eine vollkommen andere Dimension.
Warum die Kraniche ausgerechnet hier Rast machen
Die vorpommersche Küste gehört zu den bedeutendsten Kranichrastgebieten Mitteleuropas. Dafür treffen rund um den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft mehrere günstige Bedingungen zusammen. Auf abgeernteten Getreide- und Maisfeldern finden die Tiere energiereiche Nahrung, während die flachen und störungsarmen Boddengewässer sichere Schlafplätze bieten. Kraniche verbringen die Nacht häufig stehend in seichtem Wasser. Fressfeinde können sich dort kaum unbemerkt nähern, zugleich bieten die geschützten Gewässer genügend Ruhe für die großen Verbände.
Schon im August sammeln sich die heimischen Kraniche der Region. Im September treffen zunehmend Tiere aus Skandinavien und Osteuropa ein, bevor die Rastzahlen im weiteren Verlauf des Herbstes deutlich steigen. Während einer gesamten Rastperiode passieren mehr als 120.000 Kraniche die Region, wobei die einzelnen Tiere unterschiedlich lange bleiben. Manche ziehen nach wenigen Tagen weiter, andere verbringen mehrere Wochen an der vorpommerschen Küste.
Der Tagesablauf folgt dabei einem festen Rhythmus. Mit der ersten Dämmerung verlassen die Kraniche ihre Schlafplätze und fliegen auf die umliegenden Felder. Dort suchen sie nach Getreideresten und anderen Nahrungsquellen, um Energiereserven für die bevorstehende Reise aufzubauen. Gegen Abend beginnt der Rückflug. Gerade dieser abendliche Einflug gehört zu den eindrucksvollsten Möglichkeiten, die Tiere zu erleben, weil sich das Geschehen häufig über längere Zeit entwickelt und immer neue Gruppen am Himmel erscheinen.
Kraniche beobachten in Günz
Ein besonders guter Ausgangspunkt liegt nordwestlich von Stralsund bei Günz. Dort befinden sich die NABU-Kranichwelten, ein Erlebnis- und Informationszentrum, das sich vollständig mit dem Kranich, seiner Lebensweise und seinem Zug beschäftigt. Die Ausstellung vermittelt Hintergründe zur Biologie der Tiere, zu ihren Zugwegen und zu ihrem Schutz und informiert zugleich über die aktuelle Situation an den Rastplätzen. Gerade während der Herbstrast ist das hilfreich, weil sich die bevorzugten Aufenthaltsorte der Tiere abhängig von Nahrung, Wetter und Störungen verändern können.
Nur wenige Kilometer entfernt liegt am Günzer See das KRANORAMA. Die Beobachtungsstation richtet den Blick auf die Günzer Seewiesen, ein geschütztes Gebiet, das während der Rastzeit von zahlreichen Kranichen genutzt wird. Im September und Oktober ist die Station regulär geöffnet. Fernglas oder Kamera mit Teleobjektiv gehören dabei zur sinnvollen Ausstattung, zwingend erforderlich sind sie für das Erlebnis allerdings nicht. Große Kranichgruppen lassen sich bereits mit bloßem Auge eindrucksvoll beobachten.
Von Stralsund aus lässt sich der Besuch gut als mehrstündiger Herbstausflug planen. Wer zunächst die Kranichwelten besucht, erfährt dort, wo sich aktuell besonders gute Beobachtungsmöglichkeiten ergeben, und kann den weiteren Tagesverlauf danach ausrichten. Auch eine Anreise mit dem Bus ist möglich; die Linie 305 verbindet Stralsund mit Günz. Vom Hotel Kontorhaus aus sind die Wege kurz und die Planung einfach.
Abstand gehört zum Erlebnis
So spektakulär große Kranichgruppen auf einem Feld wirken, so empfindlich reagieren die Tiere auf Störungen. Ein Kranich, der auffliegt, verbraucht Energie, die er eigentlich für seine lange Reise benötigt. Besonders problematisch sind Störungen an den Schlafplätzen, an denen sich oft sehr große Verbände sammeln.
Die beste Beobachtung erfolgt deshalb von ausgewiesenen Beobachtungsstellen, aus größerer Entfernung oder bei organisierten Exkursionen. Werden Kraniche während einer Fahrt auf einem Feld entdeckt, empfiehlt Kranichschutz Deutschland, das Fahrzeug nur an geeigneter Stelle abzustellen und nach Möglichkeit im Auto zu bleiben. Der vermeintliche Vorteil, einige Meter näher an die Tiere heranzugehen, kann sonst schnell dazu führen, dass ein ganzer Trupp auffliegt. Zur Kranichbeobachtung gehört deshalb auch die Ruhe, das Geschehen aus der Distanz stattfinden zu lassen.
Eine ganze Woche für die Kraniche
Vom 20. bis 27. September 2026 bekommt das Naturschauspiel einen zusätzlichen Rahmen. Während der 28. „Woche des Kranichs“ finden in Günz und an verschiedenen Orten der vorpommerschen Boddenlandschaft Veranstaltungen rund um die Herbstrast statt. Dazu gehören Beobachtungen, Exkursionen, Vorträge und weitere Veranstaltungen, die Einblicke in das Leben der Tiere und die besondere Bedeutung der Region geben.
Wer den Kranichzug unabhängig vom Veranstaltungsprogramm erleben möchte, hat dafür allerdings ein deutlich größeres Zeitfenster. September und Oktober gehören zu den klassischen Monaten der Herbstrast. Vom 16. September bis zum 22. Oktober begleitet außerdem das Kranich-Infomobil bei Zingst den abendlichen Einflug auf die Insel Kirr. Ranger stehen dort mit Ferngläsern und Spektiven bereit und können das Geschehen fachkundig einordnen.
Stralsund im Herbst hat eine zweite Bühne
Die Kraniche zeigen eine Seite der Region, die im klassischen Stralsund-Programm leicht übersehen wird. Nur kurze Zeit nach einem Spaziergang durch die Altstadt oder über die Hafeninsel liegt eine Landschaft vor einem, deren Rhythmus weitgehend von Jahreszeit, Wetter, Landwirtschaft und Vogelzug bestimmt wird. Gerade im Herbst entsteht daraus ein reizvoller Kontrast zur Stadt.
Das Schauspiel ist zudem jedes Mal ein wenig anders. Die Zahl der Tiere verändert sich von Woche zu Woche, die bevorzugten Felder wechseln und selbst der abendliche Einflug folgt keinem minutengenauen Programm. Genau darin liegt sein Reiz. Während viele Sehenswürdigkeiten Stralsunds das ganze Jahr über an ihrem Platz bleiben, gibt die Natur für einige Wochen im Herbst eine Vorstellung, die sich erst im nächsten Jahr wiederholen wird.
Hinweise für Reisende
Die NABU-Kranichwelten nennen die Vorpommersche Küste als eines der bedeutenden deutschen Rastgebiete und erläutern Tagesrhythmus, Schlafplätze, Nahrungssuche und Zuggeschehen. Für die gesamte Rastperiode werden mehr als 120.000 Kraniche in der Region genannt. Das KRANORAMA am Günzer See ist im September und Oktober nach aktuellem Stand täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet; die Kranichwelten selbst öffnen in diesen Monaten täglich von 10 bis 17.30 Uhr und sind von Stralsund mit der Buslinie 305 erreichbar. Die 28. Woche des Kranichs findet 2026 vom 20. bis 27. September statt; das Kranich-Infomobil ist vom 16. September bis 22. Oktober für die abendliche Beobachtung bei Zingst angekündigt.
