Wenn Brücken in Bewegung kommen
Stralsunds besondere Bauwerke am Wasser
Wer am Stralsunder Hafen spazieren geht, kann ein Schauspiel erleben, das in vielen anderen Städten längst verschwunden ist: Plötzlich wird der Verkehr angehalten, eine schwere Stahlkonstruktion setzt sich langsam in Bewegung und eine Brücke gibt den Wasserweg für ein Segelboot frei. Wenige Minuten später schließt sich die Fahrbahn wieder und der Alltag nimmt seinen gewohnten Lauf. Rund um die historische Hafeninsel gehört dieses Zusammenspiel von Straßenverkehr und Schifffahrt bis heute zum Stadtbild. Gleich mehrere bewegliche Brücken erschließen das Hafengelände, während im Hintergrund die mächtige Rügenbrücke den Strelasund überspannt. Gemeinsam erzählen diese Bauwerke von der jahrhundertealten Bedeutung des Seehandels, vom technischen Fortschritt und von der besonderen geografischen Lage der Hansestadt.
Die Stralsunder Hafeninsel entstand in ihrer heutigen Gestalt durch den Ausbau des Hafens und die Anlage künstlicher Wasserwege. Kanäle gliedern das Gelände und trennen es teilweise von der historischen Altstadt. Für den Verkehr zwischen den Speichern, Kaianlagen und der Stadt wurden deshalb Brücken benötigt, die zugleich den Schiffen die Durchfahrt ermöglichen mussten. Die Lösung waren bewegliche Konstruktionen, deren Technik noch heute zu beobachten ist. Besonders reizvoll ist die unmittelbare Nähe der Bauwerke: Vom Kontorhaus auf der Hafeninsel sind die ersten Brücken nur wenige Schritte entfernt.
Klappen, drehen, passieren: Die beweglichen Brücken der Hafeninsel
Zu den auffälligsten Konstruktionen gehört die Querkanalbrücke, die den nördlichen und südlichen Teil der Hafeninsel miteinander verbindet. Sie wurde 1932 in Betrieb genommen und gilt heute als technisches Denkmal. Ihre Stahlkonstruktion erinnert an die Zeit, als der Hafen ein wichtiger Umschlagplatz für Güter war und auch Eisenbahnwaggons über die Hafeninsel transportiert wurden. Noch heute verlaufen Gleise über die Brücke. Ihr Funktionsprinzip ist ebenso einfach wie eindrucksvoll: Der bewegliche Teil der Fahrbahn wird nach oben geklappt, sodass Schiffe den Querkanal passieren können. Die heutige Brückenkonstruktion entstand Mitte der 1990er Jahre nach dem historischen Vorbild von 1932. Dabei wurde die ursprüngliche genietete Stahlbauweise durch eine geschweißte Konstruktion ersetzt.
Nur wenige Schritte entfernt befindet sich mit der Langenbrücke ein weiteres interessantes Beispiel beweglicher Brückentechnik. Sie überspannt den Langenkanal und stellt eine Verbindung zwischen Altstadt und Hafeninsel her. Anders als bei der Querkanalbrücke wird ihre Fahrbahn zur Öffnung seitlich gedreht. Die heutige Brücke stammt aus dem Jahr 2000 und führt damit eine historische Konstruktionstradition mit moderner Technik fort. Gerade der unmittelbare Vergleich der beiden Brücken macht deutlich, wie unterschiedlich Ingenieure das Problem lösen können, gleichzeitig einen Verkehrsweg über das Wasser und eine Durchfahrt für Schiffe zu schaffen.
Die Fährbrücke gehört ebenfalls zu den historischen Verbindungen zwischen Altstadt und Hafeninsel. Bereits 1865 wurde an dieser Stelle eine Drehbrücke eingeweiht. Der heutige Bau stammt aus dem Jahr 1994 und dient Fußgängern und Radfahrern. Auch die Badenbrücke und die Semlower Brücke gehören zu den Verbindungen, die das Gesicht des Hafens prägen. An der Semlower Brücke lässt sich zudem ein Stück Stadtgeschichte entdecken: Ihr 1868 errichteter Vorgänger wurde 1944 zerstört. Nach dem Krieg entstand zunächst ein Damm, bevor 1996 wieder eine Brücke gebaut wurde. In unmittelbarer Nähe stand einst das mittelalterliche Semlower Tor, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde. Seine verbliebenen Mauern wurden 1960 abgetragen.
Wer die Brücken in Bewegung sehen möchte, kann seinen Spaziergang entsprechend planen. Zwischen Anfang April und Ende Oktober werden die Querkanalbrücke und die Langenbrücke bei Bedarf täglich um 8 Uhr, 12 Uhr, 16.30 Uhr und 19.45 Uhr geöffnet. Freitags, samstags und sonntags gibt es zusätzliche Öffnungstermine. Für die Schifffahrt sind diese Zeiten von erheblicher Bedeutung, denn Segelboote mit höheren Masten können die niedrigen Brücken nur bei geöffneter Fahrbahn passieren. Besucher sollten allerdings berücksichtigen, dass eine Brückenöffnung nur erfolgt, wenn tatsächlich Bedarf besteht. Schon das Warten auf ein einlaufendes Segelboot kann sich lohnen, denn von den Ufern der Hafenkanäle lässt sich der gesamte Vorgang aus nächster Nähe beobachten.
Von der historischen Hafenbrücke zum Wahrzeichen der Stadt
Während die kleinen Kanalbrücken den Verkehr innerhalb des Hafens regeln, überspannen zwei große Brückenverbindungen den Strelasund in Richtung Rügen. Die ältere Verbindung entstand in den 1930er Jahren mit dem Bau des Rügendamms, der über die Insel Dänholm führt. Zu ihm gehört die Ziegelgrabenbrücke, eine mächtige Klappbrücke, deren beweglicher Teil für die Durchfahrt größerer Schiffe angehoben wird. Über den Rügendamm verlaufen bis heute sowohl die Eisenbahnstrecke nach Rügen als auch eine Straßenverbindung sowie ein gemeinsamer Fuß- und Radweg. Wer von der Hafeninsel in Richtung Südosten blickt, kann die markanten Stahlkonstruktionen dieser historischen Verbindung entdecken.
Deutlich höher ragt die 2007 eröffnete Rügenbrücke über dem Strelasund auf. Sie gehört inzwischen zu den bekanntesten Wahrzeichen Stralsunds und prägt mit ihrer geschwungenen Form die Silhouette der Stadt. Die gesamte Straßenverbindung misst rund 4,1 Kilometer, der eigentliche Brückenzug etwa 2,8 Kilometer. Besonders auffällig sind die knapp 128 Meter hohen Pylone, an denen die Fahrbahn mit insgesamt 32 Stahlseilen aufgehängt ist. Die Konstruktion ermöglicht eine Durchfahrtshöhe von 42 Metern für die internationale Schifffahrt. Nach rund drei Jahren Bauzeit wurde die Brücke im Oktober 2007 von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeweiht. Seither entlastet sie den alten Rügendamm erheblich und ermöglicht dem Autoverkehr eine Fahrt nach Rügen ohne die Wartezeiten der beweglichen Ziegelgrabenbrücke.
Für Fußgänger und Radfahrer bleibt der alte Rügendamm die Verbindung zur Insel. Die neue Rügenbrücke ist ausschließlich dem Kraftfahrzeugverkehr vorbehalten. Ihre eindrucksvolle Konstruktion lässt sich deshalb am besten aus einiger Entfernung betrachten. Besonders reizvoll ist der Blick vom Stralsunder Hafen, wo die hohen Pylone über den Schiffsmasten, Speichergebäuden und Kaianlagen aufragen. Die Brücke ist inzwischen zu einem festen Bestandteil zahlreicher Hafenpanoramen geworden.
Ein Spaziergang durch Stralsunds Brückengeschichte
Für Gäste des Kontorhauses liegt diese kleine Entdeckungsreise unmittelbar vor der Haustür. Die beweglichen Brücken am Querkanal und am Langenkanal lassen sich bei einem kurzen Spaziergang erkunden. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, kann seinen Weg über die weiteren Verbindungen zur Altstadt fortsetzen und dabei die historischen Hafenanlagen, die alten Speicher und die zahlreichen Schiffe betrachten. Fast überall begegnen sich die unterschiedlichen Epochen der Stadtgeschichte auf engstem Raum.
Die Stralsunder Brücken sind dabei weit mehr als praktische Verkehrsverbindungen. Sie erinnern an die wirtschaftliche Bedeutung des Hafens, dokumentieren die Entwicklung der Ingenieurbaukunst und zeigen, welchen Einfluss die Schifffahrt bis heute auf das Leben der Stadt hat. Besonders schön lässt sich das erleben, wenn sich am Querkanal eine Brücke hebt, ein Segelboot langsam vorbeigleitet und am Horizont die hohen Pylone der Rügenbrücke zu sehen sind. Dann liegen fast hundert Jahre Brückenbaugeschichte gleichzeitig im Blickfeld.
Kurze Wege vom Kontorhaus
Die Querkanalbrücke und die Langenbrücke werden während der Saison vom 1. April bis 31. Oktober bei Bedarf täglich um 8 Uhr, 12 Uhr, 16.30 Uhr und 19.45 Uhr geöffnet. Zusätzliche Öffnungszeiten gelten freitags um 15 Uhr und 18 Uhr, samstags um 8.45 Uhr und sonntags um 18 Uhr. Die aktuellen Termine und mögliche Änderungen veröffentlicht das Hafenamt der Hansestadt Stralsund. Beide Brücken sind jeweils nur rund 30 Meter vom Hotel Kontorhaus entfernt.

